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Einleitung.

ie Natur mit ihren ewig beständigen und doch ewig

wechselnden Erscheinungsformen ist für den Menschen unentrinnbar. Sein ganzes Dasein hängt von ihr ab; nicht bloß seine physische, sondern auch seine geistige Eigenart wird in mannigfachster Weise durch sie bedingt und beeinflusst. Der Charakter des Landes spiegelt sich im Charakter des Volkes wieder; die gesamte Weltanschauung des Nordländers ist infolge der klimatischen Einflüsse eine andere als die des Südländers. Aber während der schlichte Naturmensch, der mit Bangen das Tageslicht erlöschen und das Dunkel der Nacht hereinbrechen sieht, die Natur mehr fürchtet als liebt oder ihre Erscheinungen in ehrfurchtsvoller Scheu anbetet, sucht der Kulturmensch den Schleier, der die geheimnisvollen Formen deckt, zu lüften und auf dem Wege der wissenschaftlichen Erkenntnis und des ästhetischen Genießens das innere Wesen und die äußere Schönheit der Natur zu begreifen und zu enträtseln. Der Forscher spürt ihren ewigen Gesetzen nach, um zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält; der Fromme, Gottbegeisterte sieht in allem nur ein Spiegelbild der Allmacht und Güte des transcendenten Schöpfers oder versenkt sich mit pantheistischer Innigkeit in das Leben und Weben des Alls, von dem er sich selbst nur als einen Teil weiß und fühlt; der Künstler sucht in Wort und Bild den Eindruck, den seine Seele empfangen, wiederzugeben oder schafft in Garten und Park ein mehr oder weniger von den Gesetzen der Kunst beeinflußtes Abbreviaturbild der landschaftlichen Natur. –

BIESE, Naturgef, im Mittelalter etc.

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Der Freude an der Natur kann und konnte wohl zu allen Zeiten kein wohlgeartetes Gemüt sich entziehen; aber die Wirkung zu begreifen und anderen begreiflich zu machen, ist nicht allen gegeben und setzt immer eine nicht geringe Höhe der Geistes- und Herzensbildung voraus. Wohl liegt die Natur wie ein offenes Buch vor unseren staunenden Augen, aber so mannigfache Völker und Geschlechter über die Erde gewallt sind, so mannigfache Deutungen und Auslegungen hat die mit unvergänglichen Strichen hingezeichnete erfahren. Es ist mit dem Naturschönen wie mit dem Kunstschönen. Wohl jeder empfindende Mensch wird von einem von Wohllaut erfüllten Musikstück, von einem farbenprächtigen Gemälde oder einer herrlichen Statue gefesselt werden, aber erst der Kenner wird vermittelst seines sachkundigen Verständnisses in den Kern eindringen und dem Künstler sein Geheimnis ablauschen.

Die Natur ist nun aber die größte Künstlerin, und je mehr wir bewundernd oder begreifend ihre Werke betrachten, je tiefer wir in ihre Erscheinungen wissenschaftlich oder ästhetisch eindringen, um so mehr weiß sie uns mitzuteilen und — wir von ihr, um so mehr wächst unser Entzücken, unser Genuß.

Doch was leiht der toten Natur Worte? Was bildet das ästhetische Bindeglied zwischen ihr und uns? Es ist in erster Linie jenes wunderbare Vermögen des Menschen, dem er nimmer entraten kann, sein leibliches und geistiges Ich dem Objekt anzupassen und einzufühlen. „Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist“, sagt GOETHE einmal in seinen Sprüchen. Und in der That vermag der Mensch bei Betrachtung des Höchsten wie des Geringsten niemals die Grenzen seiner Menschlichkeit zu überschreiten; will er ein konkretes Wesen, und wenn es auch das höchste ist, sich vorstellen oder begreifen, nie kann er völlig von sich selber abstrahieren; für den Menschen ist immer wieder nur der Mensch das Maß aller Dinge; im eigentlichen Sinne versteht der Mensch aus dem Grunde nur sich selbst. Alles andere wird ihm erst verständlich, deutbar und erklärlich, indem

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er sich selbst, sei es nun anthropopathisch in seiner Geistigkeit oder anthropomorphisch in seiner Leiblichkeit, dem anderen außer ihm anpaßt oder einfühlt, sein eigenes Wesen dem anderen leiht,

so sich selbst nur immer in dem anderen wiederzufinden. Diese Fähigkeit oder vielmehr diese immanente Nötigung, immer wieder nur sich selbst in die Außenwelt hineinzulegen, um sie völlig zu ergründen die also nicht bloß eine Kraft, sondern zugleich eine Schranke menschlichen Wesens bezeichnet, dieser Prozeß des Anpassens und Einfühlens erstreckt sich auf Personen wie auf leblose Dinge. Wie tiefen Sinn hat unser Wort Mitleid! Wenn wir den Schmerz des Freundes nachempfinden, so versetzen wir uns in ihn, denken uns ganz in seine Lage und Stimmung hinein, d. h. wir leiden mit ihm. Mitleid und Furcht bedingen die Wirkung der Tragödie, jene heruht also wesentlich auf solcher Supponierung des eigenen Ichs in ein anderes. Aber auch jedes Verständnis des Schönen überhaupt setzt solche Übertragung voraus, die, wenn Verwandtes zu Verwandtem harmonisch sich findet, zum ästhetischen Genuß führt.

Das bekannte Wort der griechischen Philosophie ouocov ouoio yıyvá oxETAI „Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt“ bedeutete bei den Pythagoräern, daß der mathematisch gebildete Verstand das Organ der Erkenntnis des mathematisch geordneten Kosmos sei. Aber es läßt sich auch zu einem Fundamentalsatz der Ästhetik machen. Der Reiz auch des kleinsten lyrischen Liedes basiert auf der Übertragung des eigenen Ichs in die vom Dichter gezeichnete Situation oder Stimmung, auf diesem Widerspiel von Subjekt und Objekt, auf dem geheimnisvollen Rapport zwischen dem Anschauenden und dem Angeschauten. Es beruht eben alles im Leben des Geistes auf Apperzeption. Nur das reizt zum Schauen, zum Nachdenken, zum Nachempfinden, was eine verwandte Saite in unserem Innern in Schwingung versetzt. „Du gleichst dem Geist, den du begreifst!“ An einem Kunstwerk, mag es nun ein musikalisches, plastisches, poetisches oder malerisches sein, haben wir nur dann echtes, rechtes, von

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nachfühlendem Verständnis getragenes Wohlbehagen, wenn sich die goldene Brücke der Sympathie von unserer Empfindung zu dem Gegenstande der Betrachtung hinüberbaut, wenn der Schönheitsgehalt, den der Künstler in sein Werk gelegt hat, wie ein elektrischer Strom hinübergeleitet wird in die eigene Seele und das Heterogene sich in Einklang löst. Welche Wonne überrieselt den Musikfreund beim Hören einer schönen Komposition, und wie durchschauert uns der Eindruck eines Dramas oder eines Liedes, wenn die Saiten unseres Innern miterzittern und mitklingen denn das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil, heißt es im Faust. Ist es die reinste Freude für den sterblichen Menschen, zu produzieren in welcher Kunst oder Wissenschaft auch immer, wenn ein höherer Geist ihn erleuchtet, wenn die Natur selbst im Künstler unaufhaltsam schafft, mit den regsten Impulsen, die ihm selber wie Offenbarungen erscheinen, so ist auch das passive Aufnehmen des Schönen eine Lust, aber nur dann recht, wenn es kein passives Empfangen bleibt, sondern aktiv die Gedanken des Künstlers nachdenkt, sein Werk nachschafft.

Selbst erfinden ist schön; doch glücklich von andern Gefundenes,

Fröhlich erkannt und geschätzt, nennst du das weniger dein ? fragt GOETHE in den ,,Vier Jahreszeiten“, und in den Aphorismen lesen wir zur Bestätigung des eben Angedeuteten: „Wir wissen von keiner Welt als in bezug auf den Menschen; wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezuges ist“, und weiter: „Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreut euch, wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, eine Natur lieget, die Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch selbst gefunden habt.

Und fürwahr, die Natur bringt dem menschlichen Geiste zum nachempfindenden, nachschaffenden Verständnis noch weit weniger entgegen als die Kunst; daher muß der Mensch das Meiste selbst hinzuthun. Wohl kann eine Landschaft in ihren gefälligen Linien, in ihrem Farben- und Formenreichtum, mit den auch auf Auge und Ohr wohlthuend einwirkenden und sich ein

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schmeichelnden Eindrücken von Licht und Dämmerung, von Ton und Schall selbst dem einfachen Sinne schön und anmutig und anheimelnd erscheinen und ein Lustgefühl dem in Sehen und Hören Versunkenen erwecken, aber den vollen Reiz entfaltet sie erst, wenn sie uns wiederzustrahlen scheint, was wir selbst an Geist, Gemüt, Stimmung in sie hineingelegt haben.

Sich selbst nur sieht der Mensch im Spiegel der Natur,

Und was er sie befragt, das wiederholt sie nur, sagt RÜCKERT, und EBERS mahnt:

Ja, legt nur in die ewige Natur
Aus Geist und Herzen euer Bestes nieder,
Sie giebt euch alles, alles wartet nur

Mit vollen Händen tausendfältig wieder. Und VISCHER sagt in seinen Kritischen Gängen 1: „So groß ist auch das Großartigste nicht in der Natur, daß es wirken könnte, wo die Gemütslage nicht darauf eingerichtet ist.“ Aber ferner kann jede Landschaft schön sein oder reizvoll, wenn des Menschen Empfinden sie übergoldet. Er muß es nur vermögen, Geist, Seele, Stimmung ihr zu leihen. Nur der wird in ihr ein Spiegelbild seines eigenen Ichs, einen mitfühlenden Freund sehen, in sie mit sympathetischem Genuß sich versenken, mit Andacht und Begeisterung sich in die Anschauung derselben vertiefen, der kraft seiner Geistes- und Herzensbildung eben eine Welt von Ideen und Stimmungen zu der Welt der Erscheinungen in Beziehung zu setzen vermag. Vor allem also unter dem Zauberstabe der dichterischen Phantasie löst sich der Bann, der über der Natur liegt, da beginnt sie zu erwarmen wie der Stein am Herzen des Pygmalion

Da lebte mir der Baum, die Rose,
Es sang der Quellen Silberfall,
Es fühlte selbst das Seelenlose
Von meines Lebens Widerhall.

In des Dichters Gesang leben die Wälder, die reißenden Ströme, die schnellen Winde; willenlos fügt sich die Natur dem

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1 Neue Folge, V, p. 182.

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