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uns jenes behagliche Gefühl erzeugt, das wir Lustigkeit oder Heiterkeit nennen. Idealer gestimmte Gemüter dürften geneigt sein, dies zu leugnen und der edlen menschlichen Natur widersprechend finden. Unbefangene Dichter und Philosophen haben es aber von jeher zugegeben. „Süss ist es,“ singt schon Lucretius im zweiten Buche seines Werkes de rerum natura, „bei hoher See, wenn die Winde das Meer peitschen, vom sicheren Lande aus der grossen Mühe eines anderen zuzuschauen, nicht," fährt er fort,

quia, vexari quemquam, est jucunda voluptas,

Sed quibus ipse malis careas, quia cernere suave est. Schopenhauer, der unbefangenste der modernen Philosophen, stimmt dem ausdrücklich bei. Das eigentliche Element und die Wurzel des Komischen ist also die Schadenfreude. Nun giebt es freilich einen doppelten Schaden, einen solchen, welchen der Mensch erleidet, wenn er sich unberechtigten und tadelnswerten Extravaganzen hingegeben hat, und diesen zu strafen ist die Aufgabe der Satire oder der gewöhnlichen Komödie und des Lustspiels, und einen Schaden, eine Enttäuschung, die uns treffen, nicht weil wir einer tadelnswerten Neigung oder Richtung nachgegeben, sondern weil wir nur einem ganz berechtigten, in der Menschennatur liegenden Streben gefolgt, mit diesem Streben aber an den Grenzen, welche überall unserer Natur gezogen sind, an dem gemeinen Gange der Dinge gescheitert sind. Das Gefühl, welches ein solcher vergeblicher Kampf eines berechtigten höheren Strebens mit der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur erzeugt, ohne gerade das Individuum wesentlich zu schädigens ist der Humor, und dieser Humor, der mit dem einen Auge weint und mit dem anderen lacht, weint über jene Vereitelung unseres besten Strebens und lacht über das Unverhältnismässige desselben zu unseren Kräften, ist recht eigentlich das Wesen der höheren Komödie oder der Posse, welchen deutschen Namen ich dieser höheren Komödie eben, im Gegensatze freilich zu dem gewöhnlichen Gebrauch, vindizieren möchte. Die obige Erklärung des Humors stimmt auch mit der alten bekannten klassischen Definition des Wortes überein, welche sich in Ben Jonsons Lustspiel: Every man in his humour findet, und welche unser verehrter Mitarbeiter H. Vatke neulich in seinem trefflichen Aufsatze „Ben Jonson in seinen Anfängen“ wieder citierte. „Wenn irgend eine besondere Eigenschaft," heisst es darin, ,,so Besitz ergreift von einem Menschen, dass sie alle seine Neigungen, seine Geister und Kräfte dahin bringt, in ihrem Zusammenflusse alle in einer Richtung hinzustürzen, das mag wahrhaft ein Humor genannt werden.“ Jener zweite wesentliche Umstand zur Erzeugung der komischen Wirkung ist freilich bei dieser Erklärung des berühmten englischen Ilumoristen noch weggelassen, dass nämlich jene von ihm so geschilderte und in ihrer Entstehung detaillierte einseitige Richtung des Menschen in Konflikt gerät mit seiner eigenen oder seiner Mitmenschen beschränkten Natur und dadurch, wie bemerkt, jener lächerliche Gegensatz eines hohen Strebens und einer niedrigen, unzulänglichen Kraft entsteht. Es ergiebt sich hieraus eben, wie wesentlich die scharfe Hervorhebung dieser Beschränktheit, schärfer ausgedrückt, dieser Gemeinheit und Niedrigkeit der menschlichen Natur der Komödie oder Posse ist.

Es erhellt daraus aber auch gleichzeitig, und mit dieser freilich paradox erscheinenden Ansicht will ich meine gegenwärtigen Ausführungen schliessen, die eigentümliche Erscheinung, dass die Neigung zur Posse und die Plege derselben gerade bei den Völkern in den Epochen ihrer höchsten Kultur und wenn sie die Ilöhe ihrer Entwickelung zu überschreiten beginnen, hervorzutreten pflegt. Es soll ein Ausspruch Goethes sein (ich selbst vermag ihn augenblicklich in seinen Werken nicht zu finden), dass er den Humor in der Litteratur nicht liebe, weil er das Zeichen einer sinkenden Epoche sei. Mag man von der Thatsache erbaut sein oder nicht, sie drängt sich doch sichtlich der Beobachtung entgegen. Als die Griechen nach langem lebhaften Ringen nach einer freiheitlichen Gestaltung ihrer Politik, und trotz desselben in eine immer wüstere und wechselvollere Demokratie gerieten, so dass den besten Bürgern das Leben in ihrer Hauptstadt unleidlich erschien, da dichtete ihnen ihr ungezogener Liebling der Grazien seinen Vogelstaat; als alles ihr Philosophieren ihnen kein Heil, sondern nur immer nebelhaftere und unfassbarere Phantasiegebilde bringen wollte, da hält er ihnen als Spiegelbild ihres Treibens seine „Wolken“ vor; als ihre Litteratur von den Idealen eines Äschylus und Sophokles zu den flachen Wahrheiten eines Euripides herabgestiegen war, da quakten ihnen seine „,Frösche“ diese Thatsache entgegen. Den Römern, welche es im Drama, also auch in der Komödie, niemals zu eigenen selbständigen Leistungen gebracht haben, hielt Horaz in seinen unübertrefflichen Episteln und Satiren auf der Höhe ihrer staatlichen Entwickelung den Humor ihrer Lage vor. Wenn wir in Shakespeares und Molières Stücken weniger jenen Humor über die Unlösbarkeit staatlicher, sittlicher und religiöser Probleme, welcher der höheren Komödie eigen ist, entwickelt sehen, so dürfte die Signatur ihrer Zeitalter, welche eben noch aufstrebende, nicht durch die Überfülle der Kultur übersättigte waren, eine Ursache davon bilden.

Paradoxer noch als das bisher Gesagte erscheint es, wenn man in unserer Zeit, auf der glücklichen Höhe einer nach so langem Streben erreichten Machtstellung Elemente zu solchem Humor, zu einer possenhaften Stimmung, wie die oben geschilderte, finden wollte. Und doch ist eine Neigung dazu, doch sind alle Bedingungen zu einer höheren Gestaltung der Posse bei uns vorbanden. Man beobachte, wie bei immer grösserer Ablenkung vom Idealen, ja bei einer Geringschätzung desselben, alles, im Leben nicht weniger als auf den Brettern, welche dieses Leben bedeuten sollen, nach dem Heiteren, Amüsanten, Possenhaften förmlich hascht und lechzt. Wenn man Gelegenheit hat, das Publikum in unseren Theatern häufiger zu beobachten, so sieht man, wie jede lustige, humorvolle Wendung bei den Vorstellungen förmlich wie ein Labsal, eine Oase nach der Wanderung durch ernstere oder auch langweiligere Strecken begrüsst wird. Nähern wir uns auch schon einem Aristophanischen Zeitalter des Humors, d. h. der über alle Enttäuschungen dieses Erdeplebens durch ein bitteres Gelächter sich tröstenden Posse? Enttäuschungen dieser Art freilich, gerade auf der Höhe der Kultur, auf der wir uns befinden, sind uns nicht erspart geblieben, und vielleicht datiert daher die pessimistische Strömung, welche gerade die Werke vieler der schärfsten Denker der Neuzeit durchzieht. In so vieler Hinsicht sind wir trotz redlichsten Bemühens der Faust, welcher sieht, „dass wir nichts wissen können."

Wenn wir alle philosophischen Systeme, von Heraklitos dem Düsteren bis auf Ed. v. Hartmann, durchstudiert haben, so wissen wir von denjenigen Fragen unseres Daseins, die uns am meisten interessieren und die uns am nächsten liegen, von dern Schöpfer und der Schöpfung dieser Erdenbühne, von dem, wie es sein wird, wenn für den einzelnen unter uns die Lampen derselben erlöschen, von jenen leuchtenden anderen Welten, welche sich über unseren Köpfen drehen, wenn wir abends nach Hause wandern, von allen diesen Dingen wissen wir dann so viel wie vorher, das heisst nichts. Der mancherlei Enttäuschungen, welche das 19. Jahrhundert hinsichtlich der freiheitlichen Gestaltung des politischen Lebens gebracht hat, will ich gar nicht gedenken. Wie hat unser transrhenanisches oder transvogesisches Nachbarvolk, seitdem es aus den Blutströmen seiner ersten grossen Revolution der Menschheit die kostbaren Gaben einer freieren Humanität, einer den Menschenrechten entsprechenderen politischen Entwickelung dargebracht hat, in immer neuen Revolutionen sich abringen müssen, und wohin ist dasselbe mit diesen Kämpfen endlich gelangt? Sind das, wird inan uns freilich fragen, Gedanken der Lust, Gefühle der Heiterkeit, Stoff für Possen, höhere oder geringere, welche uns durch solche geschichtliche oder kulturhistorische Enttäuschungen eingeflösst und dargeboten werden? Muss nicht die Menschheit, indem sie dadurch an ihre Grenzen erinnert wird, vielmehr Trauer und Schmerz empfinden? Gewiss muss sie es. Aber ein so dringendes Bedürfnis für das Dasein ist andererseits in jeder Lage, um eben nur darin bestehen und dauern zu können, gleichsam wie das Licht für den Äther, für die Menschennatur die Freude und die Lust daran, dass sie auch jene demütigenden Empfindungen über die Grenzen und Mängel desselben schliess. lich kleidet in die Formen des Humors, desjenigen Humors, der jene Jeanne qui pleure und Jeanne qui rit des französischen Lustspiels zugleich ist, und zuletzt, künstlerisch geleitet und gestaltet, alle seine Empfindungen ausströmt und ergiesst in dem glänzenden oder unscheinbaren, goldenen oder bleiernen, wie immer und aus welchem Stoffe gebildeten Gefässe der Posse.

Dr. Biltz.

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Die Zahl derer, die, sei es in kurzen Notizen oder in längeren Abhandlungen, dem Dichter des Roman de Florimont, jenes altfranzösischen Gedichtes, welches eine Schilderung sagenbafter Vorgeschichte der makedonischen Könige enthält, ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben, ist gewiss keine geringe; indes sind ihre Angaben meist so willkürlich und tragen so deutlich den Stempel eines unkritischen Verfahrens, dass der wissenschaftliche Wert der von ihnen gewonnenen Ergebnisse nicht eben hoch angeschlagen werden darf. Ob unter den von Borel in seinem Trésor des recherches et antiquités gauloises et françoises, der von 1655—1667 erschien, 8. vv. seneschal und drudus gegebenen Bezugstellen die eine oder die andere auf empfehlenswerterer Basis beruht, konnte ich nicht ermitteln, da mir jenes Werk nur in der neuen von Favre besorgten und 1882 zu Niort erschienenen Ausgabe vorgelegen hat, die seltsamerweise einige in der Originalausgabe stehende Abhandlungen und weitere Ausführungen zu einzelnen Artikeln, darunter auch wohl die hier in Betracht kommenden Stellen, unterdrückt hat (vergl. Bd. I, S. II). Indessen wird auch auf das daselbst gelieferte Material kein besonderer Wert zu legen sein; Paulin Paris, Manuscrits français III, S. 52 hat bereits auf darin enthaltene Irrtümer hingewiesen. P. Paris ist denn auch der einzige, der (l. c. S. 9–53) nach bestimmten kritischen Gesichtspunkten verfahren und daher auch zu einigen richtigen Resultaten gelangt ist.

Aber auch an seinen Ausführungen wird sich

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