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Xavier de Maistre.

Von

Adolf Ey.

Es herrscht die Ansicht, dass jedes Erzeugnis der Poesie, welches in Frankreich gedeihen will, mit dem Kot der Lutetia gedüngt sein müsse. Die Früchte entsprechen ja nur zu häufig einem solchen Untergrund. Die Poesie, die Xavier de Maistre gepflegt hat, ist nicht in Paris erwachsen, hat nie Pariser Stickluft geatmet, sondern die Alpen sind ihre Pfanzstätte, und rein und duftig wie die Alpenluft sind auch die Blüten, die sie uns bietet.

In der ganzen französischen Litteratur giebt es kaum eine zweite Erscheinung, die so einfach, so rein, so kindlich, so rührend ist wie die des Piemontesen.

Zwei Brüder haben den Namen Maistre berühmt gemacht: Joseph und Xavier. Es sind zwei gewaltige Gegensätze. Joseph erschien den Zeitgenossen als ein mächtiges Gestirn erster Grösse, welches das Licht Xaviers weit überstrahlte, und doch hat es nicht lange gedauert, und das grosse Gestirn erlischt allmählich im Weltenraume, während sich an dem geringeren immer und immer wieder gefühlvolle und einfache Seelen aus allen Nationen gern erfreuen. Xaviers Opuscules gehören der Weltlitteratur an.

Joseph war ein leidenschaftlicher Philosoph. Nach den Greueln der Revolution verzweifelte er an der Kraft der Vernunft und des Gedanken und warf sich rückhaltlos der Autorität in die Arme. Der Scharfrichter ist für ihn die Grundlage, auf der die gesellschaftliche und staatliche Ordnung sich

Archiv f. n. Sprachen. LXXIII.

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auferbaut. „Alle Grösse, alle Macht, alle Subordination,“ ruft er aus, „, beruht auf dem Henker. Er ist der Schrecken und das Band der menschlichen Gesellschaft. Nehmt diese unbegreifliche Kraft aus der Welt und sofort macht die Ordnung den Naturkräften Platz. Die Throne stürzen und die Gesellschaft geht unter. Gott, der die Souveränetät einsetzte, hat auch die Züchtigung verordnet. Er hat die Erde auf die beiden Pole geworfen, denn Gott ist der Herr der Pole, und auf ihnen lässt er die Welt sich bewegen.“

Das ist Joseph, und daneben Xavier? Er entwirft keine Weltordnungen, er trägt sich nicht mit grossen philosophischen Problemen, obgleich er seine kleinen Spekulationen wohl zu ordnen versteht; er macht sich klein und steht bescheiden neben dem gewaltigen Bruder. Er unterwirft sich demselben ganz, giebt ihm sein Manuskript und erwartet geduldig seine Entscheidung

Sonst haben die jüngeren Brüder etwas durch den Zufall der Geburt gelitten. Oft verdunkelt sie der ältere mehr als billig. Wären sie die einzigen gewesen, man würde sie höher schätzen als jetzt, wo sie immer mit dem Gleichnamigen in Vergleich gesetzt werden. Quintus Cicero, Thomas Corneille, Ségur sans cérémonies 80 nannte er sich scherzweise zum Unterschiede von seinem Bruder, der Maître des Cérémonies unter Napoleon war auch Paul de Musset, alle diese sind mehr oder weniger Opfer ihrer älteren Brüder geworden.

Xavier ist vielleicht deshalb eine Ausnahme, weil er ausser dem Namen nichts mit dem Bruder auf dem Schriftstellergebiete gemein hat. Das Naive, das Anmutige, das Empfindeame, der sanfte Humor sind sein Feld; wie sehr verschieden von dem, welches Joseph bebaut hat!

Einfach wie seine Werke ist auch sein Leben. An dem Südabhange der savoyischen Alpen an einem Nebenflusse der Rhone liegt die kleine Hauptstadt des früheren Herzogtums Savoyen, das aus Rousseaus Confession so bekannte Chambery; dort ist unser Dichter im Jahre 1760, 62, 63 oder 64

die Frage ist noch immer nicht entschieden - geboren, und dort hat er auch seine Jugendjahre verbracht. Er stammte aus einer edlen Familie. Von seinem Vater, einem Senatspräsidenten, der noch vor der Einnahme Savoyens durch die Franzosen starb, spricht er in seiner Reise um mein Zimmer mit der innigsten Liebe und Verehrung; von seiner Mutter sagt Joseph, sie sei ein Engel gewesen, dem Gott einen Körper geliehen habe. Ausser Joseph hatte Xavier drei Brüder und vier Schwestern. Während jener eine parlamentarische und senatorische Laufbahn einschlug, trat Xavier ins Heer. Er verbrachte seine Jugend in den verschiedenen Garnisonen von Piemont und wahrscheinlich in der Art wie alle Offiziere: die Liebe zu Madame de Hautcastel, ein Duell, das sind die bezeichnenden Momente.

Als Ste. Beuve ihn über seine Origines ausfragen wollte, antwortete er lächelnd: „Ich muss der Wahrheit gemäss gestehen, dass ich in diesem Zeitraume gewissenhaft das Garnisonleben geführt habe, ohne ans Schreiben und auch nur selten ans Lesen zu denken; wahrscheinlich würden Sie nie von mir haben sprechen hören ohne den in meiner Reise um mein Zimmer angedeuteten Umstand, um dessen willen ich eine Zeit lang Stubenarrest erhielt.“

Ehe Xavier diese geistreiche Reise unternahm, hatte er eine noch kühnere unternommen, eine Reise im Luftballon; nahe bei Chambery stieg er auf, und etwa zwei bis drei Stunden davon liess er sich wieder zur Erde nieder. Das ist sein Jugendleben, das sind seine Abenteuer.

Er war 26 oder 27 Jahre alt und stand als Offizier des Marineregiments zu Alexandria in Garnison, als er „die Reise um mein Zimmer“ * schrieb; einige Anspielungen beziehen sich jedoch auf eine spätere Zeit, so das 32. Kapitel, wo er seinen Athalie-Traum von den Greuelthaten der Schreckenszeit erzählt. Er behielt das Stück mehrere Jahre in seiner Schublade und fügte von Zeit zu Zeit ein Kapitel hinzu. Bei einem Besuch, den er um 1793 oder 1794 seinem auf der Flucht befindlichen Bruder Joseph in Lausanne abstattete, brachte er ihm das Manuskript. „Mein Bruder,“ sagte er, „war mein Pate und mein Beschützer; er lobte mich wegen der Beschäftigung, der ich mich hingegeben hatte, und behielt das Konzept, das er

* Deutsch von A. Ey bei Reclam.

nach meiner Abreise ordnete. Bald erhielt ich ein gedrucktes Exemplar, und ich empfand die Überraschung, die ein Vater wohl empfinden mag, wenn er einen Sohn, den er noch an der Mutterbrust verlassen hat, als Jüngling wiedersieht. Ich freute mich sehr darüber, und ich fing sogleich „die nächtliche Entdeckungsreise' an; aber mein Bruder, dem ich meine Absicht mitteilte, brachte mich davon ab. Er schrieb mir, den Wert, den das Werkchen habe, würde ich nur vernichten, wenn ich eine Fortsetzung dazu verfasse. Er sagte mir ein spanisches Sprichwort, welches behauptet, dass alle zweiten Teile schlecht wären, und riet mir, einen anderen Gegenstand zu suchen; ich dachte nicht mehr daran.“

Das ist nun nicht richtig, denn die nächtliche Entdeckungsreise um mein Zimmer“ ist vorhanden. Sie hat aber nicht zum Ruhme des Autors beigetragen, ohne deshalb den Wert der Reise um mein Zimmer zu vernichten. Wenn man diese Reise liest, lernt man den Verfasser besser kennen, als wenn er uns seine Beichte direkt abstattete; auch hier beichtet er, aber nicht ernst und langweilig, sondern halb scherzend und immer unterbaltend.

Mayer sagt in seiner Geschichte der französischen Nationallitteratur: ,,Man muss den Titel recht verstehen; er sollte heissen: Reisen ins Blaue, in Gedanken auf dem Zimmer gemacht. Es ist schwer, eine Vorstellung von diesem hübschen Buche zu geben; ich möchte ihm den Namen ,philosophische Memoiren' geben. Der Verfasser hatte als junger Mann wahrscheinlich das Bedürfnis, oft allein zu sein und sich in allerlei wünschenswerte, mögliche und unmögliche Lebenslagen hineinzuträumen. Wer hat nicht als junger Mann tagelang wachend geträumt? Die Seele ist in solchem Zustande wie ein Nachen auf einem grossen See, ohne Steuer und Ruder, bald hierhin, bald dorthin getrieben. Rein passiv giebt sie sich allen Eindrücken hin in den Erwartungen und Hoffnungen. Dieser Umstand hat in der That Ähnlichkeit mit einer zweck- und ziellosen Reise, und de Maistre hat ihn so aufgefasst. Da ist kein Plan und keine Ordnung. Der Zufall ist Herr. Ist es ein schönes und frommes Gemüt, das uns so seine Träumereien, die Memoiren seines Herzens giebt, so haben wir allerdings dankbar zu sein, und de Maistre hat uns ein wertvolles Geschenk gemacht.“

Einige Andeutungen zur Charakterisierung des Büchleins will ich trotz alledem versuchen.

Weshalb unternimmt er die Reise? Er hat sich duelliert und erhält dafür Stubenarrest, man zwingt ihn also dazu, in seinem Zimmer zu reisen. Bei dieser Gelegenheit giebt er die Logik des Duells.

„Nichts ist doch natürlicher und richtiger,“ sagt er, „als dass ich mich mit einem auf Leben und Tod schlage, der mich aus Versehen auf den Fuss tritt, oder der sich im Ärger, den ich ihm vielleicht aus Unvorsichtigkeit verursacht habe, ein beissendes Wort gegen mich entschlüpfen lässt, oder der auch wohl das Unglück hat, der Dame meines Herzens zu gefallen.“

Dann spricht er über die Konsequenz, die darin liegt, dass dieselben Leute, die das Duell im Gericht bestrafen, noch viel härter gegen den Offizier verfahren, der das Duell verweigert. Er schlägt deshalb auch vor, dass die Richter ja durch Würfel entscheiden könnten, ob einer bestraft werden solle oder nicht.

Nach der Veranlassung giebt er eine Beschreibung des zu durchwandernden Gebietes, der Lage und Grösse seines Zimmers, das er aber nicht allein an den Wänden hin und in der Diagonale durchziehen will, sondern auch im Zickzack, wie es gerade seinem abspringenden Geiste gemäss sei.

Auf seiner Reise macht er Stationen bei dem Bilde der Frau von Hautcastel, bei seinem Bett, bei seinem Schreibtisch und dessen mit Briefen und einer verwelkten Rose angefüllten Schublade, bei mehreren Genrebildern, beim Kamin, beim Spiegel, bei seiner Bibliothek, bei der Büste seines Vaters. Er führt uns damit auf die liebenswürdigste Weise in sein intimstes Leben und Denken ein.

Frau von Hautcastel ist die Geliebte seines Herzens; ein Bild aus Werthers Leiden, eins von Ugolino, eins von Raphael und dessen Geliebten bezeichnen seinen Geschmack in der Malerei, Clarissa und Werthers Leiden, Homer, Virgil, Milton, Ossian, dann noch besonders die Elektra bezeichnen seinen Geschmack in der Dichtkunst. Dass er in der Musik etwas geleistet, wehrt er eifrig von sich ab, aber die Malerei hat er

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