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war der Erste, der mit königlichem Auge Alles überblickte, was es geleistet hatte, aber nicht so, wie man im Hause eines Verstorbenen das Erbe inventarisirt, sondern gleich weiter bauend, des Volts geschichtlichen Beruf weiter führend. Denn er jammelte nicht nur die Urkunden von dem, was hier zuerst in allen Gattungen der Dichtkunst gereift war, sondern machte diesen Rückblick zur Grundlage einer Poetit; er brachte nicht nur alle Verfassungen, welche von der patriarchalischen Monarchie bis zur demokratischen Massenherrschaft hier zuerst, wie in einer Versuchsstation, neben und nach einander voll entwickelt waren, in eine vergleichende Übersicht, sondern entwickelte daraus eine Staatslehre, welche bis heute das Werk ist, von dem jede wissenschaftliche Politik ausgehen muß. So arbeitete der hellenische Geist nach dem Untergang des Staats mit neuer Energie weiter, und an das, was wir im engern. Sinne Voltsgeschichte nennen, knüpfte sich nun ohne Unterbrechung eine neue, inhaltreiche Lebensentwickelung. Sie erfolgte freilich nicht in der Weise, wie der große Denker gehofft hatte: denn äußerlich erfolgte ein Bruch, wie er nicht schroffer gedacht werden konnte. Aber das Nachleben des Volts, die nachhaltige Kraft seines Geistes, der in Aristoteles zuerst das ganze Gebiet menschlichen Erkennens umfaßte, hat sich in dem Grade bewährt, daß wir noch heute inmitten jener geistigen Bewegung stehen, welche mit Plato und Aristoteles begonnen hat; ja, die Beziehungen unsrer Wissenschaften, auch der ferner stehenden, zu Hellas vervielfältigen sich immer mehr durch neue Funde. Die Römer pilgerten einst nach Athen, um im Areopag und in den Tafeln Solons die ehrwürdigen Vorbilder ihres öffentlichen Rechts zu ehren; jeßt haben die Gesezurkunden von Gortys ganz neue, für vergleichende Rechtswissenschaft wichtige Einblice in altgriechisches Privatrecht eröffnet. Der denkende Theologe folgt mit unermüdeter Teilnahme den Anschauungen, welche sich in ihrem ernsten Suchen nach Wahrheit die Weisen Griechenlands über Gott und Unsterblichkeit gebildet haben, und es bleibt eine der wichtigsten Aufgaben, den Einfluß des hellenischen Gedankens auf die Entwickelung der christlichen Lehre immer schärfer zu erkennen.“

„Auch die Wissenschaften, in denen neuere Forschung alles Überlieferte am meisten überboten hat, können sich nicht von Athen lösen. Aus Euclid ist nicht mehr zu lernen, aber kein Mathematiker wird es vergessen, daß seine Wissenschaft in der attischen Akademie aus der Sphäre des praktischen Gebrauchs in die der Erfenntnis erhoben und mit ihren höchsten Aufgaben vertraut geworden ist, und wie Plato auch die Sternkunde, die zum Gebrauch der täglichen Arbeit zu Wasser und zu Lande gepflegt worden war, geadelt hat, indem er sie in eine philosophische Weltbetrachtung hereinzog. Kenntnis der Pflanzenwelt und des Thiertörpers, Gesundsheitspflege und Heilkunde – ist nicht die gesammte Naturforschung demselben Boden entsprosjen, auf dem die dichtende und bildende Kunst sowie alle Geisteswissenschaften zu Hause sind ?"

„Hier ist aljo das Land, zu dem wir Alle ein Heimatsgefühl haben; hier ist, so dürfen wir sagen, der Ströme Mutterhaus, welche von hier, allmählich anschwellend, durch alle Kulturvölker und alle Jahrhunderte gezogen sind. Es ist also nicht bloß ein historisches Interesse, das uns zu den Quellen führt, wie ein

Philologe nach dem ersten Druck eines Autors sucht; auch nicht bloß ein Gefühl der Pietät, die wir den gründenden Herven der Vorzeit schulden. Wir empfangen auch bei jedem Rückblick den frischen Anhauch jenes idealen Strebens, das alle Zweige des Erkennen: als ein lebendiges Ganze umfaßte. Das ist das beste Mittel gegen die Gefahr einer zunehmenden Entfremdung der Gelehrten unter einander und einen unsere Einheit zerreißenden Particularismus; es ist der beste Schuß gegen jede Anwandlung eines das fachmäßige Virtuosentum überschäßenden Handivertersinns. Es ist zugleich die Überlieferung und die Weihe unserer Universitäten, welche auf diesem gemeinsamen Boden gegründet sind; darum pflegt auch nach altem Herkommen noch heute bei gemeinsamen Feierlichkeiten ein Vertreter des klassischen Altertums ihr Sprecher zu sein.“

Und auf die Frage, ob denn dies Alles noch für die Gegenwart Geltung habe, antwortet Curtius:

„Wenn ich bedenke, wie es nach der glorreichen Einigung des Vaterlandes unter allgemein freudiger Zustimmung das erste große Friedenswert von Kaiser und Reich war, den Boden Olympias vom Schutte zu befreien, wenn ich der gespannten Teilnahme gedenke, mit welcher man den Entdeckungen unser: berühmten Landsmanns Heinrich Schliemann auf dem Boden der homerischen Vorzeit ununterbrochen gefolgt ist, und mit welchem Stolz man die Giganten von Pergamon in unsern Museen bewillkommte, wenn ich mich in befreundeten Kreisen umschaue und sehe, wie die geistig freisten und feinsinnigsten unter den Meistern der verschiedensten Fächer mit Vorliebe an der Erinnerung des klassischen Jugendunterrichts festhalten und einen Genuß darin finden, in ihren Mußestunden mit Freunden griechisch zu lesen – dann habe ich den Eindruck, daß von einer Umkehr, einem Abfalle nicht die Rede sein könne.“

Und auch nicht etwa als zeitgemäß dürfe man solche Wendung bezeichnen.

„Wenn ein Schiff leck ist, wirft man auch die wertvollste Ladung über Bord, um die Mannschaft zu retten. Ist es denn aber mit dem Volte, wie es um seinen Kaiser Wilhelm in Krieg und Frieden geistig gerüstet zusammenstand, jo bestellt, daß man an seiner Bildung irre werden und ängstlich nach Reformen umschauen muß?"

Zu bessern gebe es immer, auch in der Drganisation und dem Betrieb der Gymnasien. Aber die gemeinsame Grundlage unserer wissenschaftlichen Bildung müsse als teures Kleinod gehütet werden.

„Es kann mir nicht einfallen, klassische Vildung und unsere Religion als Unterpfänder einer gedeihlichen Zukunft auf eine Stufe zu stellen; aber beide sind weltbewegende Kräfte, die durch nichts zu erseßen sind. Beide sind von Völkern des Altertums ausgegangen, die, nachdem sie äußerlich verfallen waren, ihr geistiges Eigentum, gleichsam ihr besseres Selbst, der Menschheit als Erbe übergaben. Beide haben endlich das gemein, daß sie zu Zeiten ihr Ansehen einbüßen und für abge: than gelten. Sie gleichen aber den Flüssen Griechenlands, die vom Gebirg herabtonimend, in eine Kluft versinten und eine Strecke unter dürrem Kaltboden verborgen hinfließen, bis sie plößlich mit voller Kraft neugeboren hervorbrechen und üppigen Pflanzenwuchs hervorrufen.“ 1)

Wir schließen die uns jüngst zugesandte Äußerung eines schon der älteren Generation angehörenden Schülers von Curtius an, eines Mannes in hervorragender Stellung, der nicht genannt sein will, – ich denke, weil er überzeugt ist, nicht Gedanken und Empfindungen eines Einzelnen auszusprechen.

„Wer immer in die Kreise von E. Curtius hereintrat, der empfand an sich den Zauber eines vornehmen Geistes, der unberührt von allem Niedrigen sein Ziel in der Höhe suchte. Das große Auge, das wie traumverloren über seine Umgebungen megbliden konnte, hing unverwandt an jener Ferne, die ihm der innere Blic in jonniger Klarheit zeigte, wo hinter den Erscheinungsformen dieser Welt die wahre Harmonie aller Kräfte wirft, jene Harmonie, die er in seinem Leben und Schaffen lo schön bethätigte. In ihm waren Denken und Empfinden, Wollen und Können, Arbeit und Muße zu einer solchen Einheit abgeklärt, daß er uns jüngeren wie ein edles Kunstwerk aus der Hand des Schöpfers erschien, und wenn irgend etwas den liebenswürdigen Menschen von uns fern oder richtiger gesagt uns von ihm fernhalten konnte, so war es die ehrfürchtige Scheu, die wir unwillkürlich vor dem vollendeten Gebilde empfinden.“

„Er selber kam allen seinen Schülern mit herzgewinnender Schlichtheit entgegen; für sein Auge war die Freude an dem Schönen in Natur und Kunst, für sein offenes Herz die Freude am Guten in Menschen und Verhältnissen die unentbehrliche Nahrung. Nie konnte er sich herzlicher freuen, sich wärmer aus: sprechen, als wenn er einen richtigen Gedanken, ein treffendes Urteil, eine edle Empfindung, eine wadere That an anderen loben konnte: jedes Gute, das er an Menschen und Dingen wahrnahm, war ihm ein eigener Gewinn, und nie war er

chmerzlicher berührt, als wenn ihn die unabweisbaren Thatsachen zwangen, Un= edles da zu spüren, wo er jo gern und freudig Gutes anerkannt hätte. Dieser edle Glaube an das Gute konnte ihn dahin bringen, die Möglichkeit einer Deutung zum minder guten zu bekämpfen; er konnte heftig werden in der Abwehr dessen, mas unedel war oder ihm unedel dünfte. Das Vorhandene als gegeben auffassen, Käufig

1) Wir erinnern uns dabei der ichönen Worte, mit denen Erwin Rohde seine Psyche cließt, und es drängt uns, sie zur Vergleichung hierher zu seben: „Die alte Religion, mit ihr die ganze Kultur der Griechenwelt, sant dahin und konnte nicht wieder belebt werden. Ein neuer Glaube, ganz anders als alle ältere Religion mit der Kraft begabt, das schwerbeladene Herz zu zertniridhen und in Hingebung aufwärts, dem göttlichen Erbarmen entgegenzutragen, blieb auf dem Plan. Seiner bedurfte die neu sich bildende Welt.“

„Und doch, -- war das Griechentum ganz abgethan, tot für alle Zeit? Vieles, allzu vieles bon der Weisheit seines Greijenalters lebte weiter in den jpekulativen Ausgestaltungen des Christen: glaubens. Und in aller modernen Kultur, die sich aus dem Christentum und neben ihm her gebildet hat, in jeder Wissenschaft und Kunst ist vieles lebendig aus griechischer Scelenkraft und griechischer Gedankenfülle. Die äußere Gestalt des Griechentums ist dahin; jein Geist ist unvergänglich. Was je im Gedankenleben der Menschen ganz lebendig geworden ist, kann nie mehr zunichte werden; es lebt ein Geisterdajein weiter; in das Geistesleben der Menschheit eingegangen, bat es seine eigene Art der Unsterblichkeit. Nicht immer in gleicher Stärke, nicht stets an derjelben Stelle tritt im Menschheitsleben der Duell griechischer Gedanken zutage. Aber niemals perficgt er; er verschwindet, um wiederzukehren; er verbirgt sich, um wieder auszutauchen. Desinunt ista, non pereunt.“

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sich darein vertiefen, es als eine Gesamtheit begreifen und darin den edlen Kern finden und aus seiner Hülle schälen, das war ihm oberstes Gesetz seines ganzen Wesens den Menschen wie den Dingen, der Gegenwart wie der Vergangenheit gegenüber.“

„Es ist klar, daß eine so veranlagte Natur nicht vorzugsweise zu kritischer Schärfe neigen fonnte. Die Kunst des Trennens, Sonderns und Zergliederns schäfte er als ein unentbehrliches Mittel für die Hand des Gelehrten, aber doch eben nur als ein Mittel: Verbinden, Vereinigen, Aufbauen war ihm der viel höhere Zweck und die viel würdigere Thätigkeit. In unserer Zeit, die sich so gern für ein Zeitalter der Stritit hält, traf er damit vielfach auf recht mangelhaftes Verständnis. Man unterschäfte recht häufig die Art seines Forschens, weil sie abwich von der herrschenden Strömung, inan warf ihm vor, daß er nicht bloß aufbaute, sondern daß er nach eigenem Plane konstruierte. Der Vorwurf ist bis zu einem gewissen Grade richtig; er enthält aber eine wenn auch unfreiwillige Anerkennung der Persönlichkeit des Getadelten, der eben auf seine Weise den Kosmos der Bes ichichte darzustellen suchte.“

„Nicht minder klar ist, meinen wir, ein Anderes: daß Ernst Curtius bei diesen Grundzügen seines Wesens nicht eine Schule im landläufigen Sinne des Wortes bilden konnte. Es lag ihm fern, seine eigenen Anschauungen andern aufzuzwingen oder jüngere Freunde in den Kreis der eigenen Arbeit zu bannen, wie dies wohl sonst von überlegenen Meistern der schulebildenden Wissenschaft geschieht. Seine wissenschaftliche Thätigkeit war viel zu eng verwachsen mit seiner ganzen edlen Persönlichkeit, sie war viel zu sehr ein Ausfluß seines innersten Wesens, als daß andere die Hoffnung hätten hegen können, in gleicher Weise arbeitend gleich oder ähnlich Schönes darzustellen. Wohl aber haben unzählig viele aus der reichen Fülle seines Wesens Anregung und Kraft empfangen, um in seinem Sinne das eigene Leben auszujchmücken mit der Freude an wissenschaftlicher Wahrheit und an künstlerischer Vollendung.“

„Dieses beides stellte sich ihm in schönster Vereinigung im Hellenentume dar; und so erfaßte er jenes mit der ganzen Kraft seines kerndeutschen Gemütes und mit dem Auge des Propheten sah er dort vollendet, was er zur Veredlung deutschen Wesens dem eigenen Volfstume zuführen wollte. Nicht daß ihn die Verehrung griechischer Sprache, griechischer Schönheit zum unbedingten Schwärmer gemacht hätte: seinen hervorragendsten Schüler, den späteren Kaiser Friedrich hat er nicht in der griechischen Sprache unterrichtet (wie er mir gelegentlich einmal erzählte, ist ihm hinterdrein von hoher beteiligter Seite der Vorwurf darüber nicht erspart worden), weil er eben überzeugt war, daß nicht alles für alle und nicht für jeden in gleicher Weise wichtig sei. Aber für ihn jelber war das griechische Altertum zu einer les bendig angeschauten Wirklichkeit geworden, die ihm in immer erneuter Schöne vor der Seele stand. Davon zeugen nicht bloß seine größeren Werke, sondern ebensosehr die Reden, zu denen ihn das Amt jahraus jahrein verpflichtete. Er jah die Hellenen vor sich als Menschen von Fleisch und Blut, wie Treitschke, sein Freund, es vom Altertumsforscher erwartete, und wußte ebenjosehr von den Nachtseiten der antiken Gesittung zu berichten wie von der strahlenden Schönheit griechischen Geis ftes. Wer mag es ihm verargen, daß er lieber das Schöne und Gute darstellte, er, dem das peaoza.nety plet' sůtshslas zur eigensten Natur geworden war?“

„Die Lebenskraft des unvergänglich Schönen der Gegenwart zu zeigen an der Herrlichkeit der vergangenen Zeit und sie seinem deutschen Volke zu vermitteln, dem er mit aller Kraft eines treuen Herzens angehörte, das war die Aufgabe, die er sich gestellt hatte; wie sehr er ihr gerecht geworden, bezeugt ihm nicht nur die dantbare Liebe aller, die ihm nahe standen, sondern weit über diesen Kreis hinaus die Verehrung aller, die nach dem gleichen Ziele ringen. So steht er mir in treuer Erinnerung und unwillkürlich übertrage ich auf ihn die Zeilen, die er einst an Alerander von Humboldt gerichtet hatte und die ich in seiner Handschrift als teures Andenken an den Geber bewahre:

Du bist wie einer jener milden Sterne,
Die in der Nacht ihr göttlich Licht verstreuen,
Daß sich an ihm die Menschenkinder freuen
Und seine Bahn von ihn der Schiffer lerne.
Wer zählt, wie viele jedes Abends gerne
An seinem Lichte Mut und Lust erneuen?
Er leuchtet ruhig allen seinen Treuen
Und ahnet kaum der eignen Wirkung Ferne.
So wandľ auch ich in deines Lichtes Segen,
Und wenn idy, an Erinn'rung mich zu laben,
Nachsinnend folge meinen Lebenswegen,
So tritt mir leuchtend unter allen Gaben,
Die mir geworden sind, ein Glück entgegen:
Das schöne Glück, mit Dir gelebt zu haben.“

Dem Unterzeichneten ist es nur wenige Male zı1 Teil geworden, sich mit E. Curtius zu unterreden, aber diese Unterredungen haben sich ihm fest ins Gedächtnis geschrieben. Wenn er zur Charakteristik des Geschiedenen hier etwas beifügen darf, so ist es erstens der Zug, der leicht über Curtius' bezaubernder Liebenswürdigkeit und seiner sonst jo milden Weise zu urteilen übersehen werden kann: ich meine seine scharfe Entschiedenheit in dem Festhalten wissenschaftlicher Überzeugungen. Er war in Gesprächen, wie in öffentlichen Erörterungen sehr weit entfernt von gefälligem Geltenlasjen gegenteiliger Meinungen, von einem ei Boóhel oder si sol donet. Er erinnerte in dieser Hinsicht an einen anderen großen Hellenisten dieses Jahrhunderts, mit dem er auch sonst manches gemeinsam hatte, an Fr. G. Welder.

Etwas zur Erfassung der ganzen Persönlichkeit noch wichtigeres ist des Verstorbenen tief in Herz und Kopf begründete Religiosität. Seine Schaffensfreudigkeit und seine Schaffenserfolge im Diesseits wandten seine Augen nie von einer höheren Welt ab. In der Rede, aus der wir oben einige Stellen entnommen, findet sich der Ausspruch, daß die innere Gewißheit in Betreff der übersinnlichen Welt

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