Изображения страниц
PDF
EPUB

nicht nur aufhalten, sondern auch gefährden. Lassen Sie mich daher, meine Herren, als eine Ergänzung zu der ersten Hälfte des ersten Teiles meines Vortrages nun auch die zweite Hälfte in der nämlichen Kürze fügen. Sie erhalten damit den Untergrund, von dem sich später meine Wünsche für die zukünftige Gestaltung der förperlichen Ausbildung und Erziehung unserer Jugend an den höheren Schulen um so wirkungsvoller abheben.

B.

An dem gegenwärtigen Stande des Turnens an unseren höheren Schulen ist zu beklagen eine nachteilige Beeinflussung desselben hinsichtlich seiner gesundheitlichen und erziehlichen Wirkung

1) durch die häufig getadelte ungeniigende Reinhaltung und Lüftung der Turnhallen, sowie die unzureichende Pflege der Turnpläße;

2) durch die von den Klassenverbänden abweichende Verschmelzung von Turnabteilungen;

3) durch die untergeordnete Stellung, die das Turnen in der Reihe der Unterrichtsfächer einnimmt;

4) durch die vorzeitige Befreiung der Oberprimaner vom Turnunterrichte zu Gunsten wissenschaftlicher Beschäftigung;

5) durch die unzureichende Anzahl von wöchentlich zwei Turnstunden;

6) durch die an den Turnbetrieb gestellten unflaren und einander widersprechenden Forderungen und

7) durch die modern gewordene Spiel- und Sportbewegung.

Meine Herren! Von der Erfahrung belehrt, daß man des Guten Feind wird, wenn man das Beste will, habe ich die Stala meiner Forderungen nicht zu hoch gestellt. Sie stehen vor allem im vollen Einklange mit der Beseitigung von allerlei Mißständen, die das Turnen in seinem Erfolge beeinträchtigen und in gewissen

Fällen zu einem notleidenden Unterrichtsgegenstande herabdrücken. In der Gewäh= rung dieser Forderungen aber liegt das einzige und sicherste Mittel, die Klagen über einen mangelhaften und unzureichenden Turnbetrieb zum Schweigen zu bringen.

Gestatten Sie mir nun, meine Herren, im zweiten Teile meines Vortrages mich ausführlicher verbreiten zu dürfen.

II. Für die zukünftige wünschenswerte Gestaltung der körperlichen Ausbildung und Erziehung unserer Jugend an den höheren Schulen sind folgende Gesichtspunkte Festzuhalten:

1) Eine ersprießliche Thätigkeit der Turnlehrer wird nur dadurch gewährleistet, daß ihrer beruflichen Ausbildung auch fernerhin alle Fürsorge zuteil wird.

2) Den Forderungen an die geistigen Leistungen der lernenden Jugend gegenüber ist in Rücsicht eines harmonischen Ausgleiches die Einführung von wöchentlich drei Turnstunden geboten.

3) Die Turnstunden sind in unmittelbare Verbindung mit den übrigen Unterrichtsstunden zu bringen.

4) Der Turnunterricht ist, wie jede andere Unterweisung, nur im „Klassengefüge“ in einem immer nur von einem Lehrer benußten Turnraume zu erteilen.

5) Um der Jugend den Wert turnerischer Leibesübungen mehr zum Bewußtjein zu bringen, ist es notwendig,

a) daß die Turnzensur mit den Zensuren in anderen Fächern vollständig gleich gewertet – nur Sprachen und Mathematit stehen im Range höher – und

b) daß derselben ein maßgebender Einfluß auf die Berechtigung zum einjährigfreiwilligen Militärdienst zugestanden wird.

6) Unter Wahrung der Selbständigkeit der Schulleitungen ist die Anstellung von Schulärzten geboten.

7) Der sportmäßige Betrieb von Leibesübungen unserer Zöglinge ist von der Schule thunlichst zu überwachen, in keinem Falle aber zu begünstigen, während sie die dem Turnen verwandten Leibesübungen unter ihre pflegliche Obhut zu nehmen hat.

1) Die Zeiten liegen nicht allzufern hinter uns, in denen ein gewisser Mut dazu gehörte, als Pädagog oder gar als wissenschaftlich gebildeter Schulmann einem Berufe sich zu widmen, bei dem man annahm, daß eine tiefere Bildung entbehrlich, wohl aber eine biderbe Erscheinung, förperliche Kraft und turnerisches Geschic vorauszuseßen sei. Die Anbahnung eines richtigen Verständnisses für den Turnlehrerberuf wurde erst durch Adolf Spieß herbeigeführt, der das Turnleben der Schule von pädagogisch geschulten und methodisch durchgebildeten Männern geleitet wissen wollte. Dem mit der Einführung des Turnens an unseren höheren Schulen zu Tage tretenden Mangel an geeigneten Turnlehrern, dieser wesentlichsten Vorausseßung für ein gedeihliches Jugendturnen, haben die Staatsbehörden durch Gründung von Turnlehrer-Bildungsanstalten begegnet, zu deren Leitung Männer von turnerischer Begabung und pädagogischer Einsicht berufen wurden. Um aber diesen Anstalten ein ausreichend vorgebildetes Lehrermaterial zuzuführen, ist in dankenswerter Weise der Ausbildung von angehenden Turnlehrern vor allem an den Lehrerseminarien alle Aufmerksamkeit zugewandt worden.

Wenn nun gleichwohl noch in jüngster Zeit hlagen darüber erhoben worden sind, daß der Turnunterricht des frisch belebenden Hauches entbehre, jo scheint man den Ursachen dieser Erscheinung nicht hinlänglich nachgegangen zu sein. Die Wahrheit gebietet es, an die Thatjache zu erinnern, daß man sich über die Schwierige keiten in der Erteilung von Turnunterricht selbst in Lehrerkreisen nicht ganz klar ist. So drängt mancher, dem die Turnlehrerstellung vielleicht zugleich die Aussicht auf die langersehnte Anstellung eröffnet, sich zu einem Berufe, der ihn wegen der zahlreichen Enttäuschungen wenig Befriedigung gewährt und dem er zu geeigneter Zeit den Rüden kehrt. In jolchen Händen ballt der an sich spröde turnerisme Übungsstoff sich zu einer Masse zusammen, die jedes inneren Zusammenhanges entbehrt. Dann wird im besten Falle das mühsam gefügte Kunstwert zu jener methodischen Düftelei, die bei unserer Jugend Langeweile und Abneigung erzeugt. Segt man bei unseren Turnlehrern neben eigener turnerischer Fertigkeit eine eingehende Kenntnis der von ihnen zl1 behandelnden Materie und die Befähigung voraus, diese Materie nach methodischen Gesichtspunkten zu verarbeiten, und tommt dazu noch der Zug von Begeisterung, der Jahn's Thätigkeit so erfolgreich machte, so werden die über die Unzulänglichkeit unseres Turnunterrichts angestimmten Klagen verstummen, – wenn nicht sonst widerliche Hemmnisse die Arbeit auch des tüchtigsten Turnlehrers beeinträchtigen.

Erwarten Sie, meine Herren, daher keine Vorschläge, wie man in Zukunft an die berufliche Ausbildung der Turnlehrer an unseren höheren Schulen herantreten soll. Unsere deutschen Turnlehrer-Bildungsanstalten sind sich ihrer Aufgabe klar bewußt und werden dieselbe sicher dann zu lösen imstande sein, wenn ihnen ein ausreichend vorgebildetes und von Liebe und Lust zur Turnarbeit beseeltes Mate= rial von jugendlichen Lehrkräften zugeführt wird. Denn darüber herrscht Klarheit, daß in einem Jahre, oder wohl gar in einem Monate die Ausrüstung zu einem tüchtigen Turnlehrer nicht zu beschaffen ist. Der bisher beklagte geringe Zugang an geeigneten turnerischen Lehrkräften und die Fahnenflucht so manches tüchtigen Turnlehrers an unseren höheren Schulen dürften von unseren Schulverwaltungen als Erscheinungen aufzufassen sein, die nach einer durchgreifenden Heform verlangen nicht nur in Betreff der bisher dem Turnen in dem Unterrichtsorganismus eingeräumten Stellung, sondern auch hinsichtlich der dem Turnlehrer in dem Lehrkörper zugewiesenen Rangordnung.

2) Wenn ich 'nun im weiteren Verfolge der nachteiligen Beeinflussung des Turnens an unseren höheren Schulen hinsichtlich seiner gesundheitlichen und erziehlichen Wirkungen auf die unzureichende Anzahl von wöchentlich zwei Turnstunden zu sprechen komme, so habe ich jedenfalls nicht nötig, mich auf tiefgehende Erörterungen einzulassen. Zwei wöchentliche Turnstunden gegen fünfzig bis sechzig Stunden Sißarbeit! Welches Gegengewicht kann in der Spanne Zeit von zwei Stunden im Hinblick auf die Bürde geistiger Anstrengung hergestellt werden! Nicht nur körperliches, sondern auch geistiges Siechtum ist das Gefolge jola chen Mißverhältnisses. Die betrübende, auf eine Entartung des Gemütslebens hinweijende Erscheinung des Zusammenschließens unserer Jugend zu „heimlichen Verbindungen" - findet sie nicht eine ausreichende Erklärung? Was nüßen auch die strengsten Maßnahmen, wenn an unserem Schulorganismus das Sicherheitsventil fehlt, durch das die überschüssige Jugendfraft zu entweichen vermag ?

Daß unsere Schulverwaltungen auf dem besten Wege sind, dem von unjerer Jugend gefühlten Notstand abzuhelfen, erhellt aus der seit dem Jahre 1890 im preußischen Staate eingeführten dritten Turnstunde. So freudig nun auch diese Errungenschaft begrüßt wurde, so hat sich doch bei einer näheren Prüfung ergeben, daß man mit der Vermehrung der Turnstundenzahl nicht auch eine entsprechende Vermehrung der Turnräume und der Lehrkräfte vorgesehen hatte. Begreiflicherweise mußte dieser Umstand zu heillosen Klassen-Rombinationen führen, die einen unanfechtbaren Rüdschritt bedeuten.

In den süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden, wo an den höheren Schulen infolge eines streng durchgeführten „Klassenturnens“ ein reges und gesundes Turnleben herrscht, ist dem wöchentlich zweistündigen Turnunterrichte durch Anfügung einer Spielstunde ein erweiterter Wirkungstreis eröffnet. Auf eine bedeutende Höhe der Vollkommenheit haben es infolge vorzüglicher turnerischer Einrichtungen die städtischen Schulturnwejen zu Hannover und Frankfurt a. M. gebracht. In lekterem ist man sogar über die gesebliche Zahl von wöchentlich drei Turnstunden hinausgegangen.

Es würde zu weit führen, wollte ich bei dem erfreulichen Anlaufe, den unsere Schulverwaltungen hinsichtlich der Vermehrung der Turn- und Spielgelegenheiten genommen haben, länger verweilen. Nur sei mir aus derzeihlicher Anhänglichkeit an mein engeres Heimatland gestattet, auch der sächsischen Staatsregierung zu gedenken, die am 8. Juli 1882 folgendes verfügt und -- in die rechten Wege ge= leitet hat: „Für Schüler, welche besondere Neigung und Befähigung zum Turnen haben, ist an jeder Schule außer den Klassen(turn)stunden noch eine besondere wö= chentliche Turnstunde (Kürturnstunde) einzurichten, in welcher sie unter Leitung des Lehrers schwierigere Gerätübungen nach freier Wahl vornehmen können. An gröBeren Anstalten werden zweđmäßig mehrere wöchentliche Kürturnstunden für ges trennte Gruppen von Turnenden abgehalten. Die Pflege der Turnspiele außerhalb der Schulzeit ist von der Schule zu begünstigen.“

Dieje wohlgemeinten Einrichtungen zeigen leider, wie auch anderwärts, wo solche bestehen, eine Schattenseite, die ich nicht verschweigen möchte: Der Besuch dieser Kürturn- und Spielstunden ist vollständig in das Belieben der Schüler gestellt. Es bleiben seitens der lekteren zunächst alle diejenigen dein Turn- und Spielplake fern, die an der „Turnscheu“ leiden. Sodann ist die Zahl und die Größe der Hausarbeiten, häufig auch die Entfernung des Wohnortes Anlaß, die besseren Elemente vom Gebrauche dieser Turngelegenheiten abzudrängen. Endlich finden die im Turnen geförderten und daher turnlustigen Schüler, für die nach der geseblichen Bestimmung in erster Linie die Kürturnstunden bestimmt sind, schon in den Klassenturnstunden ausreichend Gelegenheit zum Kürturnen. Die Entfernung desselben aber aus dem Klassenturnen und seine ausschließliche Verlegung in die Kürturnstunden dürfte, abgesehen von anderen Rücksichten, auch aus einem recht= lichen Grunde nicht durchführbar sein, da dein Turnlehrer die Ausübung irgend eines Besuchszwanges nicht zusteht.

In Hannover sind seit Einführung der dritten Turnstunde die vorher üblichen Kürturnstunden abgeschafft worden. Den Schülern wird zum Kürturnen in der Schulzeit ausreichend Gelegenheit geboten. Auch in anderen preußischen Städten ist man seit Einführung der dritten Turnstunde auf ähnliche Einrichtungen zuge= kommen. Man wird den sächsischen Turnlehrern daher die auf Einführung einer dritten wöchentlichen Turnstunde gerichteten Wünsche nicht verargen fönnen. Doch werden sie auf die Durchführung einer den Schulorganismus tief berührenden Maß= nahme gern verzichten, wenn sie mit pädagogischen Fehlgriffen erkauft werden soll.

3) Die Forderung des Amtsrichters Hartwich: „Der Vormittag gehöre dem Geist, -- der Nachmittag dem Körper“ – ist manchem Schulleiter eine willkommene Erlöjung von einer drückenden Arbeit gewesen; denn die Verlegung des Turnunterrichtes auf die Nachmittagsstunden war ja mit erheblich geringeren Schwierigkeiten verknüpft, als seine Unterbringung zwischen den Stunden des wissenschaftlichen Unterrichts oder am Ende desselben. Diese Einrichtung aber brachte nur den mit wissenschaftlichem Unterrichte betrauten Lehrern Vorteile, während die Schüler der ihnen zugedachten Freiheit verlustig gingen, weil neben den Turnen auch an= dere „Nebenfächer“ an vier, ja selbst fünf Nachmittagen untergebracht werden mußten. Das Turnen aber wurde mit einem Schlage zu jenenn notleidenden Unterrichtsgegenstande herabgedrüdt, der es vorher gewesen war; denn die Unterbringung zahlreicher Klassen, für die meist nur ein Raum zur Verfügung stand, führte naturgemäß zu einer Verschmelzung größerer Schülermengen, für die die Menschenkraft auch des begabtesten und pflichtgetreuesten Turnlehrers nur so weit ausreichte, als die Masse in einem turnerischen Scheinleben erhalten werden mußte. Die Wirkungslosigkeit, Langweiligkeit und Einseitigkeit dieses Unterrichts aber ist uns Turnlehrern von Hartwich als eine pädagogische Sünde angerechnet worden; denn er hat uns seinerzeit das Lob gespendet: „Die meisten (!) Turnstunden werden von Lehrern gegeben, die von einer rationellen Leibesübung io viel verstehen, wie der Clown von Sophokles.“

Zur Ehre unserer Schulverwaltungen muß es ausgesprochen werden, daß der Hereinfall auf die gestellte Lodspeise nur in wenigen Fällen geglückt ist. Da, wo das Klassenturnen unter Jngebrauchnahme eines Turnraumes und unter Verwendung einer Lehrkraft fich endgültig Bahn gebrochen hat, mußte man darauf z11= kommen, daß die Turnstunden zwischen die übrigen Unterrichtsstunden oder an das Ende derselben zu legen sind. Im Notfalle wird man sogar den Unterricht mit Turnen beginnen können, ohne daß hierbei pädagogische Bedenken wachgerufen werden.

Die strenge Durchführung des Klassenturnens und seine Unterbringung im Rahmen des Gesamtunterrichts vermag nur noch da Anstoß zu erregen, wo man aus Sparsamfeitsrüdsichten nach oben hin sich gefällig zeigen möchte. Diesen Schulleitern aber möchte ich mit Hartwich zurufen: „Das Kapital, das Staat und Gesellschaft auf diesen Punkt verwendet, wird reiche Zinsen tragen, – Zinsen, die über alle statistischen Berechnungen hinausgehen.“

4) Jede ernstlich gemeinte unterrichtliche Thätigkeit ist für den Lehrer anstrengend. Es gilt dies auch für den Turnunterricht, der für die mit ihm betrauten Lehrer um so ermüdender wirken muß, als sie sich im Stillen über den in widerlichen Verhältnissen liegenden geringen Erfolg ihrer Thätigkeit nicht leichten Sinnes hinwegzuseßen vermögen. Das fortwährende Stehen beim Turnunterrichte, das durch einen größeren Raum gebotene laute Sprechen, dessen Wirkung ohnehin wesentlich beeinträchtigt wird durch das beim Turnen verursachte Geräusch, ebenso die durch das Vorturnen von Übungen bedingte förperliche Anstrengung erheischen einen Kraftaufwand, dessen Anspannung man nicht ohne Not durch ein Zusammenlegen von ohnehin starken Turnabteilungen unter Leitung zweier Lehrer oder gar nur eines Lehrers bis auf das äußerste Maß steigern sollte. Dazu kommt noch die betrübende Erscheinung, daß bei Kombinationen die Gefahren beim Turnen sich häufen; daß den in ihren turnerischen Leistungen Zurückgebliebenen durch den Lehrer zu wenig Nachhülfe geboten werden kann; daß die Turnluft der Schüler sicht

« ПредыдущаяПродолжить »